
Die Sauer © Patrick Godar-Bernet
3. Fastensonntag - 3e Dimanche de Carême
„Die Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Bach!“
Im 8. Jahrhundert v. Chr. ist Israel zweigeteilt. Um das Jahr 760 v. Chr. wird im Südreich Amos, ein wohlhabender Bauer, von Gott als Prophet ins nördliche Königreich geschickt, um dessen Untergang anzukündigen. Schon nach kurzer Zeit wird er vom Oberpriester des Staatsheiligtums wegen Hochverrats des Landes verwiesen und kehrt vermutlich in seine Heimat zurück. Dort verliert sich seine Spur.
Die Missstände
Amos lebt in einer Zeit außenpolitischen Friedens. Die Wirtschaft floriert. Aber nur eine Minderheit der Bevölkerung profitiert davon. Schonungslos prangert Amos die zahllosen Missstände an: Die reiche Oberschicht – allen voran der König und sein Hofstaat – führt ein sorgloses, selbstherrliches Leben. Ihre Privilegien, ihr Luxus und ihre Prasserei gehen auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung. Unersättliche Geschäftsleute beschweren sich über das Sabbatgebot, weil sie an diesem Tag kein Geld verdienen können. Durch Handelsbetrug beuten sie die Kleinbauern aus. Die Rechtsprechung liegt in den Händen von wohlhabenden, einflussreichen Männern. Sie beugen das Recht, um ihre eigenen Interessen legal durchzusetzen. Die Gottesdienste sind zu rauschenden Festen verkommen, in denen die Reichen und Mächtigen letztlich sich selber feiern... Die vielen Missstände werden zum Untergang des Königreichs führen. Amos sieht darin das Gericht Gottes.
Die Prophezeiungen des Amos treffen knapp 40 Jahre später ein: 722 v. Chr. erobern und besetzen die Assyrer das Land. Die Oberschicht wird deportiert. Es ist der Untergang des Nordreiches.
Die Vision einer gerechten Gesellschaft
Im Südreich sammeln und aktualisieren Prophetenschüler über Jahrhunderte hinweg die Sprüche des mundtot gemachten Amos. Rund 200 Jahre nach dem Untergang des Nordreiches wird dem Buch Amos eine Heilsvision hinzugefügt: Gott wird nicht das ganze Volk vernichten. Nur die Schuldigen werden zur Rechenschaft gezogen. Wer sein ungerechtes Verhalten bereut und umkehrt zu Gott, wird gerettet werden.
Die Umkehr zu Gott bedeutet konkret, am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuarbeiten. Diese Gesellschaft beruht auf Hilfeleistung, Rücksichtnahme und Barmherzigkeit. Sie nimmt sich besonders der Armen und Schwachen an. Recht und Gerechtigkeit schützen und fördern das Leben in allen seinen Bereichen. Solidarisches Handeln und Gottesdienst gehören untrennbar zusammen. Amos verkündet: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!“ (Am 5,24). Dieses Gotteswort ist damals wie heute Verheißung und Aufgabe zugleich.
Anastasia Bernet

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