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Jeune dans son champ à Cahabón © Anne Schaaf
Mittwoch der zweiten Fastenwoche -
Mercredi de la 2e semaine de Carême
Kämpfen, kann man nicht alleine
Der deutsche Chanson-Sänger Max Raabe vertonte rezent einen seiner eigenen Songs aus dem Jahr 2011 neu. In diesem Lied spielt das Einzelkämpfertum eine erhebliche Rolle: „Alles krieg' ich alleine hin / Ihr staunt, wozu ich fähig bin / Und weil mich keiner besser kennt / Bin ich selbst mein Assistent.“ Seine Unabhängigkeit steht für ihn außer Frage: „Trag’ mir selbst Gedichte vor / Sing mit mir im Doppelchor / Besiege mich bei Schachpartien / Hab' mir das meiste selbst verziehn“. Dass dieses Konzept jedoch nicht gänzlich aufgeht, sieht er erst kurz bevor der Refrain einsetzt ein: „Doch gibt's nen Punkt an dem ich scheiter’ / Da käm' auch andere nicht weiter.“ Dieser lautet nämlich: „Küssen, kann man nicht alleine.“
Nun ist Küssen zwar gesund und hat das Potenzial, mehr als nur einem Menschen ein Wohlgefühl zu bereiten, aber es ist bei Weitem nicht die einzige Tätigkeit, die man nur schwerlich allein vollziehen kann. Gleiches gilt für die Gerechtigkeit und ihre praktische Umsetzung. Ähnlich wie beim Küssen, reicht der Wille einer Person nicht aus, um einen Schritt weiterzugehen. Die Motivation des oder der Einzelnen stellt einen essenziellen Ausgangspunkt dar, Konsens ist indes ebenso wichtig. Es bedarf mindestens eines weiteren Menschen, mit dem man sich absprechen will, kann und muss.
Paare, Gruppen, ja ganze Gesellschaften, die sich nicht darauf einigen können, dass Gerechtigkeit für jeden und jede gleichermaßen gilt, blockieren außerordentlich wichtige Prozesse des sozialen Zusammenlebens. Es ist ein trauriges Faktum, dass innergesellschaftliche Blockaden aufgrund von Ungerechtigkeiten in zahllosen Ländern unseres Planeten auffindbar sind. Dieser Fakt ist dennoch nicht unumstößlich. Denn wo Einzelkämpfer(innen) aufeinander stoßen und beschließen, sich gemeinsam für das Gleiche einzusetzen, dort entsteht eine Kraft, die sich mehrt, wenn man sie teilt.
Ein beeindruckendes Beispiel hierfür das Projekt „Instituto Agroecológico Fray Domingo de Vico“ im guatemaltekischen Santa María Cahabón, welches von partage.lu unterstützt wird. Die dortige Schule setzt auf den sogenannten „encuentro de saberes“, also die Bündelung von bereits vorhandenen landwirtschaftlichen Kenntnissen, welche dem Einzelnen sowie dem Kollektiv helfen, die eigene Existenz zu festigen und sich somit gegen politische Willkür zu wappnen. Der Austausch zwischen mehreren Generationen von indigenen Landwirten hat das Potenzial, sich gegenseitig für die Zukunft zu stärken und einen Nährboden für Gerechtigkeit zu schaffen. Zwar sind die Felder, welche die Bevölkerung bestellt, nicht vollends vor ungerechten Grenzüberschreitungen gefeit, aber der Samen für den Gerechtigkeitssinn wurde so tief und breitflächig gesät, dass es kaum möglich sein wird, das Grundbewusstsein im Keim zu ersticken. Derartige Prozesse werden nur möglich, wenn man nicht auf den Zufall hofft, sondern gemeinsam für Gerechtigkeit kämpft.
Anne Schaaf
Die Journalistin Anne Schaaf besuchte unser Projekt in Cahabón, Guatemala im Jahr 2018.

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