Die Weisheit der Maya Q'eqchi'

Interview mit unserem Partner in Guatemala, Christoph Peter Gempp

 

Sie sind Gründer der Fundación Fray Domingo de Vico in Guatemala. Wie ist diese mit dem Konzept der Klimagerechtigkeit verbunden?

Promotoren am FeldUnsere Bevölkerung lebt ausschliesslich von einer Subsistenzlandwirtschaft. Dadurch dass die Bevölkerung laufend zugenommen hat wird der Druck auf die Böden grösser. Wo vor wenigen Jahren noch Urwald stand wird heute Mais angepflanzt. Generell sind tropische Böden zerbrechlich. Die Schicht der guten Erde ist sehr dünn. Es muss also nach Wegen gesucht werden damit sich diese Böden regenerieren und langfristig produktiv sein können. Das Schöne ist, dass sich in der tropischen Familienlandwirtschaft soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit umarmen: Nachhaltige Familienlandwirtschaft bedeutet Vielfalt die dem Wasser und der Luft zuträglich ist und gleichzeitig Nahrung produziert.

 

Die Einheit von Körper, Geist und Seele spielt bei den Q'eqchi' eine noch größere Rolle als bei uns. Können sie uns ein Beispiel nennen? Und wie wirkt sich das auf Ihre Wertschätzung für Mutter Erde aus?

Eine sehr wichtige Realität in der Weltanschauung ist Tz’uul Taq’a: der Hüter oder die Hüterin der Berge und Täler. Unser Volk geht davon aus das ein geistliches Wesen gleichsam über die Natur wacht und jeder Berg, jedes Tal, Bach und Fluss haben einen eigenen Hüter oder Hüterin. Krankheit wird meistens mit einer mangelnden Synchronie mit Tz’uul Taq’a in Verbindung gebracht. Die Bauern und Bäuerinnen gehen davon aus das alles nur geliehen ist und eine respektvolle Beziehung mit Tz’uul Taq’a gepflegt werden soll. Alles hat Leben und soll verdankt werden. Der Heiler stellt dann im Falle von Krankheit das gestörte Gleichgewicht wieder her. Dasselbe geschieht auch in der Beziehung zu Mutter Erde. Missernten oder Plagen werden viel eher mit mangelndem Respekt und Dankbarkeit gegenüber Tz’uul Taq’a in Verbindung gebracht als mit technischen, biologischen oder agronomischen Aspekten. Dies ist für unsere Arbeit sehr wichtig.

 

Der Lehrplan der Rax Kiché-Schule propagiert eine Rückbesinnung auf die Werte der Maya Q'eqchi. Inwiefern kann dies die Entwicklung einer nachhaltigen Familienlandwirtschaft fördern?

Wir gehen davon aus, dass eine „Begegnung von Wissen“ (encuentro de saberes) stattfinden muss. Dies hat viel mit Zuhören zu tun. Als ich in dieser Welt ankam sagte mir jemand: „Einen Gegenstand brauchst Du, den anderen kannst Du vergessen: Der Hut ist wichtig, aber die Uhr kannst Du zuhause lassen. Wenn Dir der Rhythmus und die stundenlangen Gespräche unserer Gemeinschaften zu lange und langweilig werden ist dies Dein Problem.“ Und so ist es. Das psychologische und soziale Verhalten unserer Bauern und Bäuerinnen sind zutiefst gemeinschaftlich geprägt. Und nur aufgrund dieses Zuhörens können die Kenntnisse der Menschen von Pflanzen, deren Samen, Fruchtfolgen, Jahreszeiten und viele andere Aspekten wirklich verstanden und in diese Arbeit integriert werden. Kein Agronom kann dies wissen, denn die Verhältnisse verändern sich sehr schnell von Ort zu Ort. Ich bin überzeugt, dass viele Initiativen nachhaltiger Landwirtschaft daran scheitern da zu wenig auf das Wissen der Bauern und Bäuerinnen gehört wird und den kulturellen Bedingungen zu wenig Bedeutung zugemessen werden. IMG 20181115 WA0002Die angepeilte Veränderung ist nicht primär technischer Natur: Dies wäre relativ einfach zu erreichen. Es handelt sich um Veränderung die tief in kulturelle und motivationale Aspekte hinabtaucht.

 

Sie sprechen regelmäßig von den 4 A, d.h. Familien, Land, Haustiere und Erde ernähren, was eine sehr pragmatische und ganzheitliche Art und Weise ist, das Wohlergehen der Gemeinschaft zu betrachten. Können Sie uns erklären, was Sie unter "die Erde nähren" verstehen ?

Die Spiritualität der Maya-Q’eqchi‘ geht davon aus das uns hier auf Erden nichts gehört. Wir sind Pilger (Numelo). Dem geistlichen Hüter der Berge und Täler (Tz’uul Taq’a) wird ein Opfer dargebracht: Er wird zum gemeinsamen Mahl eingeladen. Symbolisch werden in einer rituellen Handlung in der Nacht Pom und Kerzen verbrannt, und Teile eines Huhnes oder Schweines, Kakao und Tortilla in den 4 Himmelsrichtungen vergraben. Der Mutter Erde wird rituell zu essen geben (Watesink). Düngern und kompostieren waren unseren Urwaldbauern bisher unbekannt. Wir greifen auf den rituellen Watesink zurück um den Bauern zu erklären, dass es bei der heutigen Überbeanspruchung der Böden mehr als ein rituelles Essen braucht und die Erde wirklich essen muss. Und damit versuchen wir auf einem kulturellen Hintergrund verständlich zu machen weshalb es Sinn macht die Felder nicht mehr abzubrennen, Düngerleguminosen und Kompost zu produzieren. Unsere Bauern und Bäuerinnen lebten bis vor wenigen Jahren noch im Urwald. Da war Düngern unbekannt. Aufgrund der Verarmung der Böden wächst das Bewusstsein, dass Mutter Erde nicht nur geistlich-rituell, sondern auch materiell essen muss damit sie uns weiter ernähren kann.



Contact

partage.lu - Bridderlech Deelen
27, rue Michel Welter L-2730 Luxembourg
Tél. 26 842 650

logo fondation partage luxembourg Q

Copyright © Partage 2016

 Nos Partenaires 

 Cercle 2019 noir et blanc  CIDSE gray logo de base couleur positif rvb kierch nb votum logo300dpi gris INFOGREEN NB