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5. Fastensonntag - 5e Dimanche de Carême
Gedanken zum Motto
„Weil Gerechtigkeit kein Zufall ist“ - aus evangelischer Sicht
Gerechtigkeit ist bei Gott mehr als eine ausgewogene Rechtssprechung. Göttliche Gerechtigkeit ist erreicht, wenn alle das bekommen, was sie brauchen. Dabei kommt es zum Beispiel nicht darauf an, dass der, der mehr tut, auch mehr bekommt. Es geht um die Güte Gottes! Sie ist radikal und macht keinen Unterschied! Alle bekommen bei Gott so viel, wie sie brauchen! Denn dies ist die Bedingung für Frieden und ein Merkmal von Gottes Reich.
Damit Gottes Gerechtigkeit Wirklichkeit wird, gibt Gott den Menschen Gebote und schließt einen Bund mit dem Volk Israel, so erzählt es das Alte Testament. Dass Gott seinen Bund nicht bricht, obwohl die Menschen seine Gebote übertreten, ist Zeichen seiner Gerechtigkeit, die über ein menschliches Maß weit hinausgeht. Die Bibel erzählt auch von der Verzweiflung darüber, dass sich Gottes Gerechtigkeit nicht durchsetzt. Im Buch Prediger ist der Schreiber resigniert. Er stellt fest: Es gibt die Gerechtigkeit Gottes, aber sie ist „unter der Sonne“ nicht erkennbar. Hiob, von dessen Schicksal im Alten Testament berichtet wird, macht die Erfahrung, dass er sich um Gott bemüht, es sich aber nicht lohnt. Im Matthäusevangelium schließlich wird klar, dass die Menschen Gerechtigkeit auf der Welt schmerzlich vermissen. In den Seligpreisungen sagt Jesus: „Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“
Die Gerechtigkeit, von der die Bibel spricht, ist eine Gerechtigkeit, die Gott schafft und die in seinem Reich Wirklichkeit wird. Da das Reich Gottes noch nicht vollständig da ist, kann die Gerechtigkeit nur als ein Prozess gesehen werden. Das wird bei Paulus besonders deutlich: Gerechtigkeit ist keine Eigenschaft Gottes, sondern ein Handeln Gottes, das die Menschen gerecht macht. Der Glaube gibt den Menschen Zugang zu diesem Handeln Gottes. Der Glaube ist auch die einzige Bedingung dafür, damit die Gerechtigkeit Wirklichkeit wird.
Im Glauben kann der Mensch anderen Menschen gegenüber Gerechtigkeit üben. Dabei geht es nicht darum, vor Gott gerecht zu sein, sondern darum, dass der Mensch sich von Gott gerecht gemacht und geliebt weiß. Das bedeutet, dass Christinnen und Christen darauf vertrauen, dass Gott sie als Menschen einfach annimmt und etwas mit ihnen vorhat. Die Geschichten im Neuen Testament erzählen davon, dass Gerechtigkeit kein Zufall ist.
Jesus lässt sich von den Außenseitern der Gesellschaft zum Essen einladen. Er richtet die wieder auf, die körperlich schwach und psychisch krank sind. Jesus warnt davor, sein Herz an den Reichtum zu hängen, wie beim reichen Jüngling, der traurig wieder weggeht und seinen Wohlstand mit den Armen nicht teilen kann. Wir kennen Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, in dem die Arbeiter am Schluss alle das Gleiche bekommen, obwohl sie ganz unterschiedlich lange gearbeitet haben (Mt 20,1-16). Als Johannes der Täufer aus dem Gefängnis einen Boten zu Jesus schickt, um zu fragen, ob er der von Gott gesandte Retter Israels sei, da lässt Jesus ausrichten: "Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt." (Mt 11,5). Gerade der Evangelist Lukas berichtet, wie Jesus das Aufrichten der Armen zum programmatischen Kern seiner Sendung erklärt: Als Jesus zu Beginn seiner Wirksamkeit in der Synagoge predigt, liest er einen Text aus Jesaja: Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn. Und dann legt er den Text aus und endet: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren" (Lk 4,18-21). Als Christinnen und Christen orientieren wir uns an diesem Jesus und sind auf dem Weg, damit „Gerechtigkeit kein Zufall ist“.
ThDr. Frank Mertin, Pastor der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Luxemburg (Entsandter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD))

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